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Chromosom G: Der Reiz der Geschwindigkeit

Woher kommt der Spass am Speed? Und ist dieser es wirklich wert, sich und andere zu gefährden? Töff-Rennfahrerin Sabine Holbrook beantwortet diese und viele weitere Fragen zum Thema Geschwindigkeit im exklusiven Interview.

Im Strassenverkehr dienen Blitzer, Tempolimite, Bussgelder, Bodenschwellen und Verkehrskreisel dazu, Tachonadeln im erlaubten Bereich zu halten. Doch die vorgegebene Geschwindigkeit scheint vielen nicht auszureichen. Warum eigentlich? So etwas fragt man am besten Profis. Also haben wir uns mit einer Dame zusammengesetzt, die sich mit der Materie bestens auskennt. Jedoch nicht im Strassenverkehr, sondern auf der Rennstrecke – dort, wo sich die Besten der Besten im Kampf um Zehntel- oder gar Hundertstelsekunden messen. Zu ihnen zählt Sabine Holbrook (39), obwohl sie nicht das typische Motorrad-Rennfahrer-Profil erfüllt: Frau, gross, blond, Töff-Spätzünderin. Mit 29 Jahren sass sie das erste Mal auf dem Bike. Mittlerweile verbucht die zweifache Mutter schon eine stattliche Liste an Erfolgen. Für Stayin’ Alive sass die Powerfrau mal kurz still und hat Fragen zu sich und ihrem Element beantwortet:

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1/1 Sabine meints ernst: Wer auch das Logo der eigenen Firma als Sponsor auf der Rennkombi trägt, ist mit 110 % Herzblut dabei.

Sabine, wann und wie bist du zum Motorradfahren gekommen?

Im September 2009 habe ich endlich meinen Führerschein gemacht, den ich schon seit vielen Jahren machen wollte. Als ich jung war, hatte mir das meine Mutter nicht erlaubt, also bin ich erst lange Rennrad gefahren.

Ein Schnellstart also. Bist du generell eine «von 0 auf 100 in 3,8 Sekunden»-Person?

(Lacht) Ganz genau: Ganz oder gar nicht.

Familie, Freizeit und Beruf scheinen bei dir gut verwoben. Was interessiert dich, wenn es mal nicht ums Motorrad geht? Gibst du woanders auch so viel Gas?

In meinen beiden Firmen, nämlich Tucon Schweiz und PowerPac Schweiz, gebe ich noch Gas. Dann fahre ich gerne Mountainbike und Downhill. Essen und Trinken finde ich auch eine spannende Sache. Das sind meine Leidenschaften und Hobbies.

«Wer schnell fahren will, soll auf die Rennstrecke.»

Auf Schweizer Autobahnen bist du einer Tempolimite ausgesetzt. Was sagst du dazu?

Man passt sich den Gegebenheiten an. Ich werde einen Teufel tun, da zu schnell zu fahren.

Besuchst du deutsche Autobahnen, um im Strassenverkehr auch mal die Schnellste zu sein?

Nein, sicherlich nicht. Das hab ich doch überhaupt nicht nötig. Wenn ich schnell fahren möchte, gehe ich auf die Rennstrecke. Und wenn ich mich mit jemandem messen möchte, nehme ich an einer Meisterschaft teil. Auf öffentlicher Strasse ist das ja vollkommen krank.

Schnell zu fahren kann auch schnell gefährlich werden. Wie stehts mit deiner Angst vor Unfällen?

Wie gesagt, ich fahre bloss auf der Rennstrecke schnell. Und dort sind alle Risiken auf ein Minimum reduziert: Es fahren schon mal alle in dieselbe Richtung, Frontalzusammenstösse mit dem Gegenverkehr gibt es also nicht. Kommt es zum Sturz, gibt es keine harten oder spitzen Hindernisse, in die man hineinprallen könnte. Und falls mal doch etwas passieren sollte, ist sofort ein komplettes Team von Fachpersonen zur Stelle. Sicherer schnell fahren als auf der Rennstrecke kann man nicht.

Mit welchem Bike hast du deine Höchstgeschwindigkeit erreicht.

Mit meiner BMW S 1000 RR war ich mal auf über 300 km/h.

Juckt es dich, deinen eigenen Rekord zu knacken?

Die Höchstgeschwindigkeit spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich schaue da auch kaum drauf, um ehrlich zu sein. Mich interessieren nur meine persönlichen Ergebnisse in Form von Rundenzeiten.

Was bedeutet Geschwindigkeit für dich? Was verbindest du mit ihr?

Ich hab Geschwindigkeit unglaublich gern. Aber eben in Verbindung mit der Perfektion und Leistung, die man dafür erbringen muss. Auf jeder spezifischen Runde muss die Technik, also Corner Speed, Bremspunkte und so weiter, stimmen. Einfach nur auf einer Geraden schnell zu fahren reizt mich überhaupt nicht. Das ist kein Können, finde ich.

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1/3 «Wir gewinnen und verlieren zusammen.» Mit diesem Motto treten Sabine und ihr Team bei Rennen an.

«Geschwindigkeit ist die perfekte Kombination aus den persönlichen Fähigkeiten und jenen des Fahrzeugs.»

Der Volksmund kennt den sprichwörtlichen Rausch der Geschwindigkeit, du kennst vermutlich den wortwörtlichen. Wie fühlt sich der an?

Das ist noch schwierig zu beschreiben. Da geht es um die Kombination von Perfektion und Beherrschung der persönlichen Fähigkeiten und jenen des Fahrzeugs. Dazu braucht es so viel mehr als einfach nur hirnlos schnell zu fahren. Das braucht jahrelange Übung, körperliche Vorbereitung und natürlich die richtige Technik. Da muss einfach alles passen und stimmen, dann ist das ein sensationeller Moment. Man darf auf sich selber stolz sein, man darf auf sein Team stolz sein, einfach auf alle, die zu dieser Leistung beigetragen haben. Und ja, das ist dann etwas ganz Besonderes.

Geschwindigkeit ist Macht. Was sagst du zu dieser Aussage?

Reden wir hier von einem Raser auf der Autobahn? Dann finde ich diese Aussage völligen Quatsch. Da steckt kein Können dahinter, sondern ist einfach nur riskant. Wenn man bei einem Wettkampf schafft, unter Klassenbesten der oder die «Schnellste» zu sein, weil man in dem Moment, an dem Tag oder auch in der ganzen Saison besser war als der Rest, finde ich das unglaublich beeindruckend. Das verdient dann meinen höchsten Respekt. Dazu braucht es nämlich enorm viel Vorbereitung sowie die Zusammenarbeit vieler Menschen im Hintergrund. Ganz zu schweigen von der Arbeit an sich selbst. Motorsport ist zwar etwas, wo man schnell fährt, einfach mal schnell betreiben kann man ihn deswegen aber nicht.

Du bietest Renncoachings an. Hast du manchmal «hoffnungslose Fälle» im Kurs?

(Lacht) Das ist eine sehr, sehr fiese Frage. Manche haben mehr Talent, andere weniger. Aber man kann mit Übung und Fleiss sehr viel erreichen. Nächste Frage?

Gibt es so etwas wie das Chromosom G, wenn G für Geschwindigkeit steht?

Ja, das gibt es, denke ich definitiv. Manche Menschen haben eine Vorliebe dafür und anderen sagt das einfach gar nichts.

Laufen, schwimmen, Velo fahren – nicht nur im Motorsport fasziniert es die Menschen, schnell, schneller und am schnellsten zu sein. Wie erklärst du dir das?

Auch hier muss man wieder das Ganze betrachten. Da geht es nicht nur um die Geschwindigkeit allein. Das ist die Freude an der Technik, der Perfektion und so vielem mehr, das nötig ist, um diese Geschwindigkeiten, und somit herausragende Leistungen in der jeweiligen Sportart, zu erreichen.

«Ohne Geschwindigkeit kann ich nicht leben.»

Bist du als Frau mit einem guten Händchen für schnelle Motorräder eine Ausnahme?

Es gibt ja inzwischen einige Frauen, die Motorrad fahren – und das auch noch sehr gut. Ich glaube, früher hatten Männer in ihrer Kindheit einfach mehr Bezug dazu, da das mit dem Papa gelebt wurde. Deswegen gab es das kaum, dass Frauen so etwas konnten. Natürlich nicht, weil die Fähigkeiten fehlten, sondern die Gelegenheiten, diese Fähigkeiten zu entdecken und zu entfesseln. Da hat aber ein Generationenwandel stattgefunden und somit ist das kein Thema mehr.

Bist du Mitglied bei den Girls on Bikes?

Bin ich nicht, nein. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Ich habe kein Strassenmotorrad (lacht). Und die fahren ja hauptsächlich Strasse. Ein gemeinsames Training auf der Rennstrecke würde ich aber gerne mal organisieren.

Was müsste passieren, damit du deiner Liebe zur Geschwindigkeit entsagst?

Da müsste ganz, ganz, ganz viel passieren. Das kann ich so nicht sagen. Zurzeit kann ich mir nicht vorstellen, ohne sie zu leben.