Langsam, aber sicher – also ganz nach unserer Philosophie – halten Fahrassistenzsysteme auch in der Töff-Technik Einzug. Wir stellen vier Assistenten vor und schauen ganz genau, was sie draufhaben.

Quietschende Reifen, lange Bremsspuren und weisser Qualm gehören bloss noch auf der Kinoleinwand zur Vollbremsung. Die Realität sieht längst so aus: Das Bremspedal ruckelt und gibt in kleinen Intervallen immer wieder die Bremse frei – auch wenn der Fahrer voll in die Eisen steigt. Dafür sorgt das Antiblockiersystem, die Mutter aller Fahrassistenzsysteme. Hinter der Kurzform FAS verbergen sich clevere elektronische Helfer, die unterstützend ins Fahrgeschehen eingreifen und so für mehr Sicherheit auf der Strasse sorgen.

Im Auto sind viele von ihnen schon voll etabliert und bei verschiedenen Herstellern serienmässig verbaut – nicht zuletzt, weil sie sich bewähren. Auch in Motorrädern finden wir Chips, die unablässig für eine sichere Fahrt rechnen. Sensible Sensortechnik, die fahruntypische Faktoren erkennt: durchdrehende, blockierende oder sogar abhebende Reifen beispielsweise. Innerhalb von Millisekunden sendet die Steuereinheit dosierte Befehle – und zwar bei Reaktionsgeschwindigkeiten, die kein Mensch unterbietet. Lerne hier vier Assistenten kennen:

ABS

Das Antiblockiersystem ist sozusagen der Ur-Fahrassistent. Besonders bei erschwerten Strassenverhältnissen, also auf Sand, Splitt, feuchtem Laub usw. verringert es die Unfallgefahr bei Motorrädern – insbesondere bei einer Notbremsung – erheblich und ist somit ein ABSoluter Sicherheitsgewinn. Im Jahr 2018 verunfallten auf Schweizer Strassen 1 068 Motorradfahrer schwer und 42 tödlich. Obwohl sich 30–40 % (Quelle: BFU) der tödlichen Motorradunfälle mit ABS verhindern liessen, haben nach wie vor wenige der 739 344 in der Schweiz immatrikulierten Bikes (Quelle: Bundesamt für Statistik) ein solches System mit an Bord. Der TCS und die BFU haben einen Test durchgeführt, der Folgendes ganz klar zeigt: Mit ABS ist der Bremsweg in der Regel kürzer, Bremsmanöver werden stabiler und sicherer, wodurch sich die Sturzgefahr erheblich verringert. Ist der Unfall nicht mehr vermeidbar, hilft das Antiblockiersystem dabei, zumindest die Unfallfolgen zu mindern. Besonders in Schreckmomenten kann es schnell zu einer falschen Dosierung von Vorder- und Hinterradbremse kommen. Dann blockieren die Räder, rutschen weg oder es kommt sogar zum Überschlag. Um genau das zu verhindern, sind neue Motorräder heute serienmässig mit einem ABS ausgerüstet. Seit Januar 2017 ist ABS bei neuen Motorrädern in der EU und der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben.

 

Kurven-ABS

Verglichen mit dem Auto, sind wir auf zwei Rädern einer ganz anderen Fahrdynamik ausgesetzt: Durch eine Kurve kommt man nur in Schräglage – und wer sich in Schräglage nicht fortbewegt, kippt um. Folglich ist die gefährlichste Bremsung diejenige in der Kurve. Bei einer abrupten Bremsung kann die Maschine wegschlittern. Hier hilft das kurventaugliche ABS: Es funktioniert wie Standard-ABS, kann aber zusätzlich in starken Schräglagen das Aufrichten und Wegrutschen der Räder sowie das Verlassen der Fahrlinie verhindern. Zusätzlich kommuniziert die Steuereinheit mit einem Sensor, der den genauen Schräglagenwinkel ermittelt. Anhand dieser Werte lässt sich die optimale Druckmodulation (so nennt man die Dosierung der kurzen Intervalle, in welchen die Bremse freigegeben wird) berechnen. Dies ermöglicht auch in der Kurve einen maximalen Bremswert, ohne von der Fahrlinie abzukommen. Aber Vorsicht: Wie alle Fahrassistenten kann auch dieser nur unterstützen, nicht die Grenzen der Physik verschieben. Lass dich beraten und probiers mal aus!

 

Hinterrad-Abhebe-Kontrolle (Stoppie-Kontrolle)

Du kennst es: Beim Anziehen der Vorderradbremse taucht die Federgabel ab und die Sitzbank wird angehoben. Hier spricht man von der dynamischen Radlastverteilung, die – im Falle einer kontrollierten Bremsung bei guten Strassenverhältnissen – ganz normal und völlig ungefährlich ist. Zieht der Fahrer jedoch die Bremse zu fest an, hebt das Hinterrad ab und es kommt zum sogenannten Stoppie. In Schrecksituationen kann das schnell zum Überschlag führen. Denn wenn man nicht sofort reagiert, indem man die Bremse wieder freigibt, überschlägt es einen. Zudem verlängert sich dadurch der Bremsweg. Die optimale Dosierung berechnet und steuert die Hinterrad-Abhebe-Kontrolle. Zusätzlich sichert sie im Idealfall die Seitenführung des Hinterrades und damit die Längsstabilität, was ein enormes Sicherheitspotenzial für alle Bremssituationen darstellt. Faktoren wie Schwerpunkt des Töffs, Gewicht des Fahrers sowie Beladung des Motorrads und Beschaffenheit der Fahrbahn spielen eine grosse Rolle. So überschlägt sich eine schwere Person auf einer Rennmaschine (höherer Schwerpunkt weiter vorne) leichter als jemand Leichtes auf einem Cruiser (tieferer Schwerpunkt weiter hinten). Achtung: Ein Standard-ABS allein schützt nur bedingt vor Überschlägen. Tastet euch bei Bremsübungen Schritt für Schritt an scharfe Bremsungen ran!

 

Kurventaugliche Schlupfkontrolle

Betrachte die Traktionskontrolle als das genaue Gegenstück zum ABS. Dort, wo das Antiblockiersystem keine Raddrehung mehr feststellt und die Bremse in kurzen Intervallen wieder freigibt, erkennt die Schlupfkontrolle ein durchdrehendes Hinterrad. Innerhalb von Millisekunden greift sie ins Motormanagement ein und drosselt die Antriebsleistung. Auf diese Weise wird nur so viel Kraft auf das Hinterrad übertragen, wie der Reifen über den Grip auf die Fahrbahn bringt. Besonders beim Kurvenausgang und bei nasser Fahrbahn ist dieser Assistent Gold wert.