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Maschinen, die unter die Haut gehen

Beitrag von Huevo BikeXpert

Werner Businger ist einer von uns. Doch der Töff ist nicht alles, wofür sein Herz schlägt. Der gelernte Zweiradmechaniker hat seinen Jugendtraum verwirklicht und arbeitet jetzt mit kleineren Maschinen, die ebenfalls knattern: er tätowiert. Seit 2013 empfängt er seine Kunden und solche, die es werden wollen, im «Old Century Tattoo» in Chur mit Nadel, Tinte und einem breiten Lächeln. Wir haben ihm mal über die Schulter geschaut.

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1/1 Genau wie auf dem Töff, gibt es beim Tätowieren so gut wie keinen Spielraum für Fehler. Ein Radiergummi bringt da wenig, also ist volle Konzentration gefragt.

Töff und Tattoos – gibt es da Parallelen?

Ich möchte es mal mit dem Custombike-Sektor vergleichen: Schraubt man ein spezielles Teil an, ist das einfach geil. Da geht es um Individualität, um Ausdruck, darum, sich abzuheben. Und so gehts eben auch vielen mit den Tattoos.

Hat ein grosser Teil deiner Kundschaft einen Helm unterm Arm?

Ich steche viele Designs mit Bikes. Das tolle an Motorrad-Tattoos ist, dass es so gut wie immer persönliche Motive mit emotionaler Bedeutung sind. Der Töff des Vaters zum Beispiel, oder dein Bike, das du hegst und pflegst. Ich denke, dass ich viele Bikerinnen und Biker als Kundschaft habe, weil ich dieses Thema selbst lebe. Während des Termins hat man dann auch gleich was zum Reden, was natürlich supercool ist. Das alles ist mit Sicherheit ausschlaggebend für den hohen Stammkundenanteil von insgesamt rund 80 %.

Was sind unter Bikerinnen und Bikern die beliebtesten Motive?

Das kann man nicht pauschalisieren. Ich habe schon mehrfach Zündkerzen, Helme, Kolben oder ganze Bikes gestochen. Einzeln oder auch abstrahiert mit anderen Elementen. Obwohl ich mich nicht auf einen bestimmten Style festlegen kann und will, wählen die meisten für Töff-Motive den «Traditional»-Style.

«Trends kommen, Trends gehen. Tattoos bleiben.»

Ein echter Biker kennt keinen Schmerz. Kannst du das bestätigen oder hast du auch schon andere Erfahrungen gemacht?

Auch da lässt sich schwer verallgemeinern. Mir sind schon grosse, harte Biker fast umgekippt und 18-jährige Mädels halten stundenlang still – aber auch umgekehrt.

Tätowierungen sind voll in Mode und erlangen immer mehr Salonfähigkeit. Wie sieht die Zukunft deiner Branche aus? Ist da auch wieder ein Ende des Trends in Sicht?

Trends kommen, Trends gehen. Meine Kundschaft besteht aber praktisch nicht aus Modetätowierten. Jeder bekommt ein individuelles Design. Trotzdem schön, dass Tattoos in der Gesellschaft immer besser angenommen werden und man nicht mehr ganz so komisch angeschaut wird.

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1/4 Im «Old Century Tattoo» in Chur gilt: Bikers Welcome.

«Wer den Laser einfach nur nutzt, um ein Mode-Tattoo wegmachen zu lassen, hat leider nicht ganz verstanden, was ein Tattoo ist.»

Ich möchte mir mein erstes Tattoo stechen lassen. Was empfiehlst du mir als professioneller Tätowierer?

Komm zu mir (lacht). Nein, Spass beiseite: Informiere dich richtig! Schau, wessen Style dir am meisten entspricht. Nimm dafür auch ‘ne längere Anfahrt in Kauf, denn das Tattoo bleibt dir dein Leben lang. Spare nicht beim Tattoo – lass dich aber auch nicht über den Tisch ziehen. Geh und schau dir mehrere Studios an. Vergleiche die Belege in der Arbeitsmappe der einzelnen Künstler. Siehst du Asymmetrien, wo es eigentlich keine geben sollte? Gefallen dir die bisherigen Motive? Wie wirkt das Studio auf dich? Ist es sauber, fühlst du dich dort wohl? Für einen Ersteindruck kannst du heutzutage ja auch Online-Bewertungen zurate ziehen. An meinen eigenen Körper habe ich nur Leute rangelassen, die ihren Beruf leben und mit denen ich menschlich eine Verbindung herstellen konnte. Redet miteinander und ihr merkt schnell, ob ihr auf einer Wellenlänge seid.

Hast du schon mal einen Tattoo-Wunsch verweigert?

Politische Motive, alles was rechtsextrem ist oder Minderheiten und Randgruppen angreift verweigere ich ohne zu zögern. Wir müssen nicht alles machen.

Was hältst du von Laser-Entfernungen?

Ich sag’s mal so: Wenn man den Laser nutzt, um schönere Überdeckungen zu erreichen, ist das als ergänzendes Instrument super. Wer den Laser einfach nur nutzt, um ein Mode-Tattoo wegmachen zu lassen, hat leider nicht ganz verstanden, was ein Tattoo ist. Überlegt euch diesen Schritt dreimal.

«Spare nicht beim Tattoo – lass dich aber auch nicht über den Tisch ziehen.»

Bezogen auf deine Arbeit: Worauf bist du am meisten stolz?

Dass ich nach so vielen Jahren immer noch diesen Beruf liebe, dass ich meinen eigenen Shop habe und meine Familie damit ernähren kann. Danke an dieser Stelle an alle unsere Kunden.

Und zu guter Letzt: Erzähle uns doch bitte von dem skurrilsten oder lustigsten Erlebnis aus deiner Tätowierkarriere.

(Lacht) Über die Jahre erlebt man als Tätowierer so manches: Kunden, die betrunken zum Termin erschienen oder eingeschlafen sind, sich nassgemacht oder übergeben haben. Und natürlich viele verrückte Tattoo-Ideen. Das sind aber Ausnahmen. Im Grossen und Ganzen läuft bei mir alles sehr gesittet ab.